Die Geister … Teil 2

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Verkaufszahlen. Die sind es natürlich, woran der Erfolg eines Buchs gemessen wird. Da kann ein Roman noch so gut bei den Lesern ankommen – wenn die Zahlen nicht stimmen, ist er in den Augen des Verlags schlicht und ergreifend ein Flop.
Die Leser schwärmen von deinem Buch? Sie können es nicht mehr erwarten, bis das nächste auf den Markt kommt? Du bekommst bei Lesungen tolle Rückmeldungen und die Zuhörer stehen Schlange, um sich deinen Roman signieren zu lassen? – Schön für dich, aber das zählt leider alles nichts, wenn die Verkäufe nicht einmal den Vorschuss wettmachen, den der Verlag dir gezahlt hat.

Klar, Verlage sind keine wohltätigen Organisationen, die hoffnungsvollen Autoren unter die Arme greifen, um sie mit langem Atem aufzubauen und zum Erfolg zu führen. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die unterm Strich Gewinn machen müssen, um auf dem Markt zu überleben und ihr eigenes Bestehen zu sichern.
Gerade in der heutigen schnellebigen Zeit, in der Monat für Monat hunderte von Büchern neu erscheinen, in der leider auf dem eBook-Sektor hemmungslos geklaut und illegal kopiert wird, kalkulieren Verlage genau, wen sie wie lange „mitziehen“ können. Wie viele Autoren, die keinen oder wenig Gewinn bringen, von den Verkäufen der Top-Autoren kompensiert werden können.

Irgendwo – ich weiß leider nicht mehr, wo und konnte es auch nicht mehr nachrecherchieren – habe ich gelesen, dass für die großen Publikumsverlage ein Buch, das sich weniger als 10.000mal verkauft, als gescheitert gilt. Ob diese Zahlt stimmt? Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß von mehreren erfahrenen Autorinnen und Autoren, dass man nicht viele Chancen bekommt, einen Flop auszubügeln. Eine, maximal zwei Chancen, dann war es das. Wenn auch Buch zwei hinter den Erwartungen zurück bleibt, wird es schon kritisch. Nach dem dritten Flop in Serie ist höchstwahrscheinlich Schicht im Schacht. Und wenn es dumm läuft, nicht nur bei diesem einen Verlag.
Schneller, als man als Autor schreiben kann, ist man dann zum generellen Flopschreiber geworden, hat den Stempel „Kassengift“ auf der Stirn und bekommt sämtliche Verlagstüren vor der Nase zugeworfen.

Zu welcher Kategorie ich gehöre? Tja, wenn es nach den Leserinnen und Lesern, nach den Zuhörern bei meinen Lesungen oder nach den Aussagen einiger Buchhändlerinnen und Buchhändler geht, dann ist mein Buch top. Wenn es nach den Verkaufszahlen geht … hm, dann wohl eher das Gegenteil.

Natürlich ist allein die Tatsache an sich, dass ich einen Vertrag bei so einem großen Verlag bekommen habe, ein riesiger Erfolg für mich, und ich betrachte das auch immer noch als meinen ganz persönlichen Sechser im Autorenlotto. Aber geschafft habe ich es deshalb noch lange nicht. Der Kampf hat mit der Vertragsunterzeichnung eigentlich erst so richtig begonnen, und ich weiß nicht, wie viele Runden ich noch gehen kann.

Wie heißt es so schön: „Sei vorsichtig, was du dir wünschst! Es könnte in Erfüllung gehen.“

Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, doch mit ihm habe ich Geister herbeigerufen, die ich nicht beherrschen kann, und die mich heulend und zähneklappernd daran erinnern, dass mein Autorenlichtlein genauso schnell wieder verlöschen kann, wie es aufgeleuchtet hat.

Sollte sich das jetzt nach selbstmitleidigem Gejammer oder einer verbitterten Abrechnung anhören – es ist keines von beiden. Es ist lediglich meine ganz persönliche Bilanz, nicht mehr und nicht weniger. Natürlich ist sie nicht frei von Gefühlen, schließlich geht es ja um die Erfüllung und das Platzen von Träumen. Und wer völlig emotionslos ist, wenn es um seine Träume geht, der hat noch nie wirklich geträumt.