Meine Wortallergien – Heute: Asteim

Allergien gibt es bekanntlich wie Sand am Meer: auf Nickel, auf Erdnüsse, auf Antibiotika, auf Pflaster, auf Nachbarn, auf Fahrpreiserhöhungen bei der Bahn und so weiter. Ich reagiere auf einen bunten Mix aus Pollen, Steinfrüchten, frischen Feigen und manchen Wörtern.
Währen die Pollen in der Regel tränende und gerötete Augen, eine eifrig laufende Nase samt Niesattacken, Steinfrüchte wiederum Jucken, Brennen, Kratzen und Schwellungen in Rachen und Hals hervorrufen, führen manche Wörter dazu, dass sich meine Milz zusammenballt, mein Magen Brechreiz meldet und sich meine Zehennägel kräuseln.

Eines dieser Wörter ist „Asteim“.

Asteim … Asteim … Was ist denn das schon wieder? Gemach, Aufklärung naht.

Gehört habe ich das Wort vor ein paar Tagen im Radio, als ein österreichischer Gastronom das Angebot seines Hotels vorstellte. In besagtem Hotel gibt es eine „Family-Time“, eine „Us-Time“ (Aaaah …), eine „Me-Time“ und noch irgendeine Time, die ich leider vergessen habe.
Am Ende dieser Aufzählung hatte sich meine Milz zu einem Golfball mit der Dichte von Osmium zusammengezogen.
„Familienzeit“, „Zeit zu zweit“ oder „Zeit für mich“ scheinen nicht ausreichend attraktiv zu sein. Asteim und Miteim klingen natürlich viel schicker und aufregender und implizieren aufgrund der englischen Bedeutung einen maximalen Wirkungsgrad, denn schließlich ist alles, was aus dem englischsprachigen Raum stammt oder sich zumindest ein eingeenglischtes Mäntelchen überzieht, viel interessanter, moderner und besser als der einheimische Trödel. Schließlich ist so ein Urlaub kein Spaß, sondern muss in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Entspannung produzieren. Und das geht nun einmal am besten, wenn das Kind einen englischen Namen hat.
Relax to the Max, um beim Thema zu bleiben.

Dass man beim ersten Hören stutzt und mit As- und Miteim erst einmal nichts anfangen kann, ist zweitrangig.

Und damit Mami und Papi in den Genuss eben dieser höchstmöglichen Entspannung kommen, werden die Kinder während der As- und Miteim verräumt und professionell bespaßt.
Wobei wir schon bei meinem nächsten Allergieauslöser werden.  Aber dazu gibts einen eigenen Beitrag.

Ach ja, nicht dass wir uns falsch verstehen: Dies soll kein pauschaler Rundumschlag gegen Wörter oder Ausdrücke aus anderen Sprachen sein, die in das Deutsche eingeflossen sind. Schließlich wandelt der Bayer spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Trottoir, ruht sich auf dem Kanapee (canapé) aus, flüchtet bei Regen unter den Paraplü (parapluie) und isst gern Böfflamott (Boeuf à la mode).

Außerdem hat uns die fast zwanghafte Anglisierung mancher „unattraktiver“ Wörter so herrliche Konstrukte wie den Facility Manager gebracht. Oder die Tatsache, dass jemand seinen Bodybag packt und zum Public Viewing geht. Wenn die Importeure dieser Wörter gewusst hätten, dass ein bodybag im Englischen ein Leichensack ist und mit public viewing unter anderem auch die öffentliche Aufbahrung eines Leichnams gemeint ist, hätten sie sich vielleicht andere Begriffe einfallen lassen.
Aber nur vielleicht.


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